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Der Vibrismus

 

Der Fall von Rij Rousseau ist in der Geschichte der Malerei einmalig – mit Ausnahme von Georges Seurat, der denselben Weg beschritt:  beide Künstler gingen von der Theorie zur Praxis.

So hat sie sich einmal ausgedrückt:“Zuerst eine mathematische Theorie errichten, zuerst bauen, die Formen schaffen, die Volumen nie deformieren und schließlich dem Instinkt ein wenig Raum lassen, um das Bild zu Ende zu bringen.

Um nicht zu ‚trocken’ zu malen, muss man zuerst die Komposition skizzieren, ein erstes Mal ausmalen, am nächsten Tag oder später wiederkommen und wieder daran malen. Ein Bild, das auf einmal entsteht, ist immer trocken“.

 

Die Theorie des Vibrismus ist von Rij Rousseau vor 1900 erfunden worden (Zeiger-Viallet).Das Künstlerdasein Rij Rousseaus wird von dem ständigen Studieren der für die Kunst bestimmenden Elemente: Material, Technik, Prinzipien, geprägt.

Gründlich studiert sie Roods Theorie, die ihre Farblehre untermauert. Durch die Farbe wird sie sich von den Kubisten unterscheiden.Parallel zum Studieren der Farbe beschäftigt sie sich mit dem Studium der Geometrie – wie zahlreiche Hefte es bezeugen können. Sie wird vom fernöstlichen Geist beeinflusst und, von der Kenntnis des chinesischen und japanischen Denkens inspiriert, gründet sie ihre „vibristische Theorie“.

Sie schreibt:

„Der Japaner ist mit diesem tiefgründigen Frohsinn begnadet, von welchem Reisende häufig berichten: er malt sowohl die innere Heiterkeit seiner Seele als auch seine äußerlichen   Lebensbedingungen. In den stark leuchtenden Szenerien kann man vom tiefsten Schwarz zum vollständigen Weiß gelangen – dabei durch alle Stufen des Schwarzen und mit nur wenigen leichten Zwischenfarben durchgehen. Die Japaner haben nicht auf den siegreichen Beweis der Interferenzen von Thomas Young gewartet, um dem Phänomen gerecht zu werden, dass Licht auch Schwarz produzieren kann. Indem er die Lichtstrahlen in verschieden Richtungen sich kreuzen ließ, hat der Physiker nämlich gezeigt, dass am Treffpunkt der Strahlen nicht die Verdoppelung des Lichtes, sondern Schwarzes produziert wird. Die Strahlen heben sich gegenseitig auf ,und das Licht, das nicht mehr leuchtet, wird Schatten und verwandelt sich in Schwarz in allen Intensitätsstufen – je nach dem Winkel der Kreuzungen – ohne dass diese mehr oder weniger aktiven schwarzen Töne bis zum tiefen und negativen Schwarz gelangen, das aus der vollständigen Finsternis resultiert.“

 

Alle Farben werden von Rij Rousseau analysiert: sie sucht deren „dynamische Eigenschaft“, wie später die Futuristen. Heute nennen wir diese Eigenschaften „dynamogen“ und die empirischen Forschungen der Künstlerin sind durch die heutigen wissenschaftlichen Forschungen bestätigt worden.

 

Wir möchten daran erinnern, dass diese Malerin an allen Bewegungen, die es zwischen 1900 und 1925 gab, partizipiert hat, ohne sie aktiv durch ihre Malerei zu vertreten. Die vibristische Theorie in ihrer Ganzheit darzulegen würde einen Band füllen. Rij Rousseau hat sich nie darum gekümmert und hat keinen Schüler gehabt; sie hat aber zahlreiche Maler beeinflusst: Metzinger, La Fresnaye, Delaunay, Jacques Villon und vor allem ihr Freund Juan Gris zogen ihre Lehre aus den farbigen Facetten des Vibrismus.

Die vibristische Theorie ist ganz und gar originell; sie ermöglichte die Entwicklung der kubistischen Kunst. Rij Rousseau war die erste, die diese neue Konzeption vertrat, die wir heute „synthetischen Kubismus“ nennen.

 

Das Wesentliche ihres Gedankens kann man so zusammenfassen: von einem fixen Punkt aus entwickeln sich Wasser, Töne u.s.w. zu Wellen, diese Wellen variieren je nach Entfernung vom „toten Punkt“. Aber diese Wellen überlagern sich, überschneiden sich oder überdecken Punkte, die dann zu vibrieren scheinen aus der Tatsache heraus, dass die Wellen sie zudecken.

Es gibt in der Farbe eine Qualität, die ihrer Wellenlänge entspricht (diese Theorie ist heutzutage wissenschaftlich bewiesen); also ist es notwendig, die Verteilung der Farbe im Verhältnis zu ihrer Wellenlängenstärke zu bedenken.

Diese Beweisführung ist meisterhaft. Sie ist so bedeutend, dass sie Gegenstand von bestimmten Studien im „Centre d’information de la couleur“ ist.

Von der eigenen und dimensionalen Qualität der Farbe abgesehen gibt es mit Sicherheit eine Beziehung zwischen der Form, die sie umschließt, den Linien, die sie führen und der Anordnung des Gemäldes. Also ist es notwendig vorauszusehen, inwiefern diese Wirkungen koordiniert werden müssen.

Farbe und Linien haben physiologische Korrespondenzen, zum Beispiel: Fröhlichkeit und Traurigkeit; Jugend und Alter. Bedingung ist, dass das Bild in Zonen geteilt wird, die durch die Form verbunden werden (Raoul Dufy wird aus dieser Lehre seine „tableaux à climats“ schaffen).

Durch ihre Erforschung der Zusammenhänge („correspondances“) der Form, der Farbe, der Intensität der physiologischen Eigenschaft der Elemente, die das Bild ausmachen, ist Rij Rousseau eine großartige Malerin und Vorreiterin.

Für sie ist nichts wichtiger gewesen als ihre Malerei: weder ihre Familie noch ihre Freundschaften, nicht einmal ihre Liebesbeziehungen. In einer Befragung hat sie auch einmal geantwortet:

„Meine Malerei über alles“.

Der Fall Rij Rousseau ist in vielerlei Hinsicht ein spannender Fall.

 

Guy Pogu: Rij Rousseau. Le Vibrisme. Mars 1958, p.19-22

Übersetzung: Marie Françoise Raoult (die Übersetzung enthält Unklarheiten)

 

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